Das Sittengesetz in uns gebietet Treue und Vertrauen, Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit und Freimut, Rücksichtnahme, Zuneigung und Liebe gegenüber Verwandten, Freunden und Gefährten, Wachsamkeit und Vorsicht gegenüber Fremden, Härte und Hass gegen Feinde.
21. Sittengesetz
1.
Treue ist etwas, das in einer Gemeinschaft fest definiert sein muß. Was
unter Treue zu verstehen ist, kann nicht der Einzelne für sich bestimmen,
sondern dies muß landläufiges Gesetz sein.
Die Entscheidung zur Treue kann nur einmal getroffen werden - beim Treueschwur
(besser gesagt: davor!)
2.
Danach gilt die Treue. Und man entscheidet sich eben NICHT, ob man in diesem
(oder jenem) Falle noch treu sein kann/darf etc.
3.
Treue zu halten ist insofern nichts persönliches, keine persönliche
Gewissensentscheidung.
4.
Logisch wäre es also, bricht einer dennoch den Schwur, diesen jemand dann
zu ächten (oder was in dieser Gemeinschaft auf Eid/Treuebruch steht), egal
wie gut die Gründe dafür gewesen sein mögen.
5.
Bei wirklich GUTEN Gründen, mag evtl. noch ein Richterrat darüber
entscheiden, sonsten gilt 4
6.
Treue beruht allerdings immer auf Gegenseitigkeit. Bricht eine Seite den
Schwur, so ist die andere frei. Die Frage ist, ob dies immer klar erkennbar
ist! Dieser Punkt ist dennoch wichtig, unterscheidet sich in ihm die Treue doch
von Hörigkeit.
7.
Dies alles führt zu der Folgerung, daß man Treue nur einer PERSON
leisten kann. Einem Land treu sein, einer Fahne treu sein, ist insofern nicht
erfüllbar, da diese keine Macht an sich darstellen. Der Ausübende ist
in diesem Beispiel der Landesführer. Diesem kann Treue geschworen werden.
Einem Land oder einer Fahne Treue zu schwören hieße, automatische
jeden kommenden Führer dieses Landes die Treue zu geloben.
"Deutschland" Treue zu geloben ist unverbindlich, da jeder
Anhänger einer bestimmten Idee(ologie) etwas anderes unter
"seinem" Deutschland verstehen würde.
8.
Ein Gelobender sollte es sich SEHR gut überlegen, mehr als einen Schwur
abzuleisten, da sonst die Gefahr des Treue-Konfliktes besteht.
9.
In diesem Falle sitzt er zwischen zwei (oder mehr) Stühlen.
10.
Egal wie er sich entscheidet, ein Eid wird gebrochen (es sei denn der
Treuepartner entbindet den Gelobenden für eine Zeit davon - ob so etwas
möglich ist, muß die Gemeinschaft entscheiden)
11.
Die Konsequenzen sind auch im Konfliktfall von ihm zu tragen. (siehe 4)
Das Treue-System ist sehr starr und absolut. Jemanden treu sein, heißt, ihm zu (ver)trauen. Man vertraut sich ja nicht jeder x-beliebigen Person an.
Man wird nur von dem Treueeid entbunden, wenn der Andere diese
Vertrauensbasis zerstört hat. Dies geschieht NICHT dadurch, daß die
Ziele der beiden Partner evtl. gegeneinander stehen, sondern NUR dann, wenn die
"Fürsorgepflicht" verletzt wurde.
Das Treuesystem ist ein tragisches System, da Konflikte vorprogrammiert sind.
Lichterstadt,
http://www.lichterstadt.de/
Die Treue gleicht dem Ring,
du kannst ihn teilen nicht.
Versuchst du's freventlich,
springt er in Stücke, bricht.
Gerhard Schumann
Er ist das Muster eines Ritters,
tapfer und edel in der Freiheit,
und gelassen und treu im Unglück.
Goethe, "Götz von Berlichingen"
Du sehnst dich, weit hinaus zu wandern,
Bereitest dich zu raschem Flug:
Dir selbst sei treu und treu den andern,
Dann ist die Enge weit genug.
Goethe, "Zahme Xenien"
Es ist leicht, in guten Tagen von Treue zu sprechen. Doch Treue kann sich erst in der Not beweisen. Wer in schweren Zeiten meint, er habe gute Gründe, ein in guten Zeiten gegebenes Treueversprechen aufkündigen zu können, der hat die tiefste Bedeutung dieses heiligen Begriffes nie erfaßt.
Jeder Versuch von Fahnenflucht wäre im Krieg zu rechtfertigen, reduzierte man den Begriff der Treue auf die persönliche Ebene, bei der jeder für sich entscheiden kann, inwieweit er im Augenblick durch einen einmal ausgesprochenen Eid noch gebunden ist oder nicht. Der Sinn des Begriffes ginge damit völlig verloren.
Das ist Treulosigkeit,
wenn sich einer nach dem Wechsel des Glücks richtet
und seine Treue wandelbar macht;
mich hat die Gerechtigkeit meiner Sache getrieben,
auch gegen ein widriges Geschick anzukämpfen.
Ulrich von Hutten
Denn was auch immer auf Erden besteht,
besteht durch Liebe und Treue.
Wer heute die alte Pflicht verrät,
verrät auch morgen die neue.
Adalbert Stifter